Wie ich in den Knast kam

(Wilfried Kohlhof)

Guten Tag. Ich möchte mich zunächst einmal vorstellen: Ich bin eine Baumwollfaser, mein wissenschaftlicher Name lautet Gossypium, und ich kam auf einer Plantage im nördlichen Indien zur Welt. Mein Strauch sowie alle anderen darum herum gehörten zur gehobenen Schicht, in Indien sagt man Kaste dazu, weil wir länger waren als andere Fasern. Unsere Länge wird in Stapel eingeteilt und unsere Stapellänge liegt über 32 Millimeter. Dabei sind wir sehr, sehr dünn, nur 1,2 bis 3,5 hundertstel Millimeter. Obwohl wir so dünn sind, sind wir fest und innen hohl und können deshalb viel Wasser speichern. Unsere äußere Form gleicht der eines plattgedrückten, verdrehten Schlauchs. Wir hängen wie die Kletten aneinander und deshalb verarbeitet man uns vorzugsweise zu Bekleidungsstücken. Dabei treten wir oft wahre Weltreisen an. So erging es auch mir.

Eines Tages pflückte eine zarte Mädchenhand meinen Familienbüschel vom Strauch. Dabei erging es uns besser als den Verwandten aus anderen Gegenden, die oft von groben Maschinen vom Strauch gerissen werden. Nach dem Pflücken kamen wir in einen Beutel, und nachdem wir ausgebreitet und getrocknet waren, fand ich mich zusammengepresst in einem dicken Ballen wieder. Meine Familie war noch ziemlich zusammen, aber die anderen Verwandten von unserem Strauch habe ich nie wieder gesehen.

Mit einem Schiff traten wir eine ziemlich lange Seereise bis nach Genua an. Dann ging es in einem LKW in die Nähe von Mailand. Dort gibt es eine große Fabrik, die DENIM, den Stoff für Jeansbekleidung herstellt. Mit Gabelstaplern brachte man uns in ein großes Lager und sortierte uns genau nach Stapellänge. So blieb meine Familie einigermaßen zusammen. Bald darauf kamen wir zu einer Maschine, die einen ganz dünnen Film von uns herunter schnitt. Da war es mit dem Großteil der Familie vorbei. Wir wurden brutal getrennt und ich konnte mich gerade noch an einigen Nachbarfasern festhalten, dann ging es rund. Man hat uns gekrempelt. Das heißt, ein Arbeiter drückte den dünn abgenommenen Faserfilm wurde zu einer Wurst zusammen und steckte sie durch das Auge einer Maschine. Dann schwanden mir die Sinne. Das war wie pausenloses Achterbahnfahren. Ein ständiges Ziehen, Verdrehen und Aufspulen, ohne Pause, bis wir nur noch ein dünner Faden waren. Von meinen früheren Nachbarn sah ich keinen mehr, ich hatte nur noch die engsten Familienmitglieder in meiner Nähe. Aus dem Ballen Baumwolle waren nun sehr viele Spulen mit dünnem, weißem Garn geworden. Die hat man dann wieder getrennt. Ein Drittel dieser Spulen kam auf große Rollen, so genannte Kettbäume, und gelangte in die Färberei. Dort badeten wir in indigoblauer Farbe und nahmen nach dem Trocknen ein schönes Blau an. Innen kam die Farbe jedoch nicht hin, die dort liegenden Fasern blieben weiß. Ich hatte Glück, denn ich befand mich auf der Außenseite des Garns und konnte so alles beobachten. Wie hätte ich damals ahnen können, dass ich deshalb noch in einem Kriminalfall eine Rolle spielen sollte? Doch der Reihe nach…

Dann ging es in die Weberei. Dort hat man uns blau gefärbte Fäden zur Kette und die ungefärbten, weiß gelassenen zum Schuss erklärt. Was das zu bedeuten hatte sollte ich bald erfahren. Mit affenartiger Geschwindigkeit haben sie uns kreuz und quer verknotet. Das passierte auf großen Webmaschinen und am Ende befand ich mich auf der blauen Oberseite eines schönen Stoffes, der DENIM genannt wird. Der war aber noch ziemlich rau, weil unsere Faserenden an manchen Stellen nach oben rausschauten, wir können sie ja nicht einziehen. Aber auch dafür gab es ein Gerät. Wir mussten einen Brennofen durchlaufen und alle hoch stehenden Faserenden brannten brutal ab. Mir wurde zwar ganz schön warm, aber mehr ist mir nicht passiert. Später rollte man uns auf, verlud uns in Lastwagen und ab ging die Fahrt nach Ungarn, wo es am Plattensee einen kleinen Ort mit einer Jeansfabrik gibt. Dort hatten sie die größten Tische die ich je gesehen habe. Zwanzig Meter lang und über einen Meter breit. Fünfzig Stoffbahnen kamen übereinander, darauf eine Schablone und dann hat man mit elektrischen Messern die Stücke herausgeschnitten, die für eine Jeanshose gebraucht werden. Diejenigen von uns, die zwischen zwei Schablonen gerieten, landeten sofort im Abfall. Ich hatte wieder Glück und landete auf einem Teil für ein Hosenbein. Als Packung gleich groß zugeschnittener Schnittteile kamen wir in die Näherei. Das war vielleicht ein Bild. Vierhundert Näherinnen fertigen dort über viertausend Jeanshosen am Tag. Sie sitzen da wie die Legehennen im Käfig. Ratz, Fatz, war auch die Hose fertig zu der ich gehörte. Das Ganze dauerte kaum 15 Minuten.

Dann aber wurde es abenteuerlich. Da war so ein Typ der wollte, dass die Hosen alt und gebraucht aussehen, so als seien sie schon zehn Jahre getragen worden. Das hat vielen von meinen Kumpels das Leben gekostet oder ist ihnen zumindest gar nicht gut bekommen. Mit Drahtbürsten, Schleifpapier und Schleifscheiben haben sie an den Hosen gearbeitet. Bei einigen sogar mehrere Stunden lang. Manchmal kamen wir auch mit übel riechenden Chemikalien in Kontakt, um einen besonderen Effekt zu erzielen. VINTAGE sollte es aussehen, USED, DESTROYED, AUTHENTIC und GESTONED. Glücklicherweise lag ich ja an einer Stelle wo das nicht nötig war, sonst … na ja, aber das war noch nicht alles, denn wir waren ja noch überwiegend gleichmäßig indigoblau gefärbt. Also ging es in eine große Waschmaschine. Hunderundsiebzig Jeanshosen, dazu dreihundert Kilogramm Bimssteine, alte und neue gemischt. Das war vielleicht ein Gepolter und Geschabe. Die Steine kratzten und schliffen an uns herum wie verrückt. Dabei nutzten sie sich so weit ab, bis die kleineren von ihnen ganz verschwunden waren und sich aus der Waschlauge ein schleifender Schlamm gebildet hatte. Und da mussten wir durch. Klar, die von uns, die an den Kanten oben lagen, bekamen die ganze Packung ab, rieben sich ab und verloren ihre blaue Farbe. Die anderen die tiefer oder in Ecken lagen waren besser geschützt und blieben dunkel. So auch auf der Seitennaht. Durch das Nähen war eine wellige Oberfläche entstanden. Ich lag glücklicherweise im Tal und blieb schön dunkel, die höheren Stellen neben mir wurden heller. So hatte ich es auch sehr bequem, denn die innen liegende Nahtzugabe lag genau unter mir und bot ein schönes Polster. Ich fühlte mich wohl im Verbund mit meinen Nachbarfasern und ich meine, wir konnten uns als Naht durchaus sehen lassen. Als einzelne Faser waren wir nun zwar ziemlich bedeutungslos, aber als Teil der rechten Seitennaht einer Jeanshose entwickelt man ja Gemeinschaftssinn.

Wenn ich damals schon geahnt hätte, …aber das kommt später. Ich lag also in einem Jeansshop im Fach der Größe 32/34. Ein paarmal wurde ich herausgenommen, betrachtet und wieder weggelegt. Dann…, endlich, kam jemand und probierte die Hose auch an. Wir legten uns mächtig ins Zeug und nahmen Haltung an. Er sollte doch einen guten Eindruck von uns bekommen. Er kaufte uns und so landeten wir bei ihm zu Hause im Schrank. Leider war unser Besitzer nicht sehr ordentlich. Meistens flog die Hose nach einem Ausgang in eine Ecke und wurde nur selten ordentlich zusammengefaltet, außer wenn seine Mutter sich einmal erbarmte. Heute war das jedenfalls mal der Fall. Die Quälerei in der Waschmaschine, das heiße Bügeleisen und den ekeligen heißen Dampf hatte ich vergessen und freute mich wieder auf einen Einsatz an frischer Luft. Glücklicherweise befand ich mich ja an der Seitennaht des rechten Hosenbeins und konnte so alles mitbekommen. Mit meinen engsten Nachbarn bildete ich einen dunklen Fleck über dem Knie. Wir waren schon etwas privilegiert, denn die anderen, die insgesamt heller aussahen und höher lagen als wir, hatten viel mehr Kontakt mit allen möglichen Sachen, rieben sich auf und verloren ihre Farbe. Wir waren also geschützter und hatten von daher eine höhere Lebenserwartung. Zudem waren wir der letzte dunkle Fleck auf der Vorderhose , von unten nach oben gesehen, denn nach uns wechselte die Fleckenreihe auf die Hinterhose. Genau oberhalb von uns war also dieser Wechsel. Damals waren wir uns der Bedeutung dieses Umstandes gar nicht bewusst. Wir waren als Hose schon etwas Besonderes und genau so einzigartig wie die teuren Designer-Teile, nur weiß das kaum jemand. In der Gemeinschaft sind wir alle Unikate.

Mit seinem Motorrad fuhr unser Besitzer zu einer Bank. Warum er den Helm nicht abnahm kapierte ich erst viel später. Dann sah sich sie, die Kamera, direkt rechts oben. Ein kurzes Zeichen zu meinen Nachbarn und wir setzten uns nach Leibeskräften in Pose, zeigten uns als schöne Seitennaht. Unser Besitzer sollte doch stolz auf uns sein. Aber der hat das gar nicht gemerkt. Zu Hause flogen wir wieder in eine Ecke, lagen dort mit anderen Jeans herum und konnten betrübt sehen, dass er sich eine neue Hose gekauft hatte. Wie undankbar. Aber was soll man machen.

 

Nach vielen Wochen kamen Kripoleute in die Wohnung, drehten alles auf Links und steckten sämtliche Jeanshosen einzeln in Papiertüten. Darin war es ziemlich dunkel, anfangs auch irgendwie spannend, aber dann war nur noch Langeweile. Es muss Wochen gedauert haben, als es wieder lebendiger wurde. Wir kamen auf einen Tisch und sahen erstaunt unseren Besitzer wieder. Doch die Wiedersehensfreude war sehr einseitig, denn dieser Typ stritt ab, mit uns jemals etwas zu tun gehabt zu haben. Er hat uns schlicht verleugnet und blieb hartnäckig dabei. Man zeigte ihm Fotos aus der Bank, aber er schüttelte nur den Kopf. Ich habe mich und die anderen als dunklen Fleck an der Seitennaht über dem rechten Knie sofort wiedererkannt. Das Leugnen hat meinem Besitzer nichts genützt. Zusammen mit den Bildern hat uns die Kriminalpolizei zum Landeskriminalamt geschickt. Dort gibt es Leute die sich mit uns auskennen. Die wissen, dass wir Fasern in der Gemeinschaft einmalig sind. Meine Stelle auf der Hose, oberhalb des rechten Knies, ist ihnen sofort aufgefallen. Sie haben den Fleck genau in Augenschein genommen und mit den Bildern verglichen. Bingo! Treffer! Sie haben ein Gutachten geschrieben und dem Gericht dargelegt, dass wir es waren, das heißt, dass diese Hose beim Überfall beteiligt war. Sie haben einen Vortrag über unsere Individualität gehalten und das Gericht überzeugt. Mein Besitzer hat weiterhin geleugnet und so getan, als ob er nicht wüsste, wer die Hose zur kritischen Zeit anhatte. Da kann ich nur lachen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen anderen Geruch als den von ihm in der Nase gehabt zu haben. Was weiter geworden ist, weiß ich nicht. Seit Jahren liege ich eingepfercht in einer Papiertüte im Regal der Kleiderkammer. Wahrscheinlich wurde mein Besitzer verurteilt und ich werde ihn wohl erst nach seiner Haftentlassung wieder sehen. Darauf freue ich mich allerdings nicht besonders, da bin ich doch ein wenig nachtragend.