Pech hoch zwei

(Wilfried Kohlhof)

Django war wieder einmal voll auf Turkey. Der letzte Schuss war vorvorgestern und so wurde es wieder höchste Zeit für den nächsten. Er war zwar im Metadonprogramm, aber das glich nur etwas die Höhen und Tiefen aus. Polytoxikomanisch veranlagt nahm er zusätzlich alles was die Dealer gerade so da hatten.

Die Kapuze war hochgeschlagen und seine Fäuste steckten tief in den Hosentaschen. Die Rechte hielt die Schreckschusspistole umklammert, als wolle er sich daran festhalten. Das kühle Stück Metall gab ihm ein Gefühl von Stärke und der Sicherheit, bald wieder an den nächsten Schuss zu kommen. Sein Zittern war fast verschwunden. Er schwang sich auf sein geklautes Fahrrad und fuhr zielstrebig zu der Sparkassenfiliale, in der er schon einmal erfolgreich war. Sie lag nicht weit weg und hatte den Vorteil, dass er gut durch den Park verschwinden konnte und nach ein paar Haken direkt hinter dem Bahnhof landete, wo die Dealer immer etwas im Angebot haben.

Mit: „Hände hoch! Geld her!“ stürmte er in die Kassenhalle und wunderte sich zunächst, dass keine Kunden da waren. Und der einzige Angestellte schien wenig beeindruckt. Nach: „Los, mach schon!“ ging dieser wie aufgefordert in die schusssichere Kassenbox, blieb dort aber untätig stehen und fing laut an zu lachen. Django brauchte etwas Zeit um die Bedeutung zu kapieren. Der Angestellte war nun genau dort wo er ihn hingeschickt hatte, damit aber in Sicherheit und Django kam nicht zum Ziel.

In diesem Moment betrat ein junger Mann die Kassenhalle. Django erkannte seine Chance, packte ihn sofort, richtete die Waffe auf ihn und forderte erneut die Herausgabe des Geldes. Um die Bedrohung von dem Kunden abzuwenden schob der Kassierer nun ein paar Bündel Banknoten durch die Ausgabeöffnung. Django raffte das Geld zusammen, steckte es unter seine Jacke und ging rückwärts zur Tür. Mit den Worten: „Keiner folgt mir!“ verließ er die Kassenhalle, wobei er noch zwei Schüsse in Richtung des Kassierers abgab. Sofort machte sich ein beißender Gestank bemerkbar, Reizgas. Der junge Mann rannte sofort nach draußen, um besser atmen zu können und seine Augen zu schützen. Dort sah er, dass der Täter schon etwa dreißig Meter weit weg war. Mit brennenden Augen und dem Wissen, dass die Waffe nicht besonders gefährlich war, setzte er zum Spurt an. Django sah sich um, ging aus dem Sattel und trat kräftig in die Pedale. Die Kette riss, Django trat ins Leere und knallte mit dem Unterkörper in den Winkel zwischen Ober- und Steuerrohr. Infolge seines Adrenalinspiegels spürte er die Schmerzen kaum, warf das Rad beiseite und rannte zu Fuß weiter. Nur weg. Sein Verfolger kam immer näher. Django erspähte eine offen stehende Tür in einem alten Mietshaus. Von Weitem war bereits das Martinshorn der Polizei zu hören. Django rannte eine Treppe hinauf, sein Verfolger war bereits an der Eingangstür. Nach einer weiteren halben Treppe bot sich ein offen stehendes Flurfenster als Fluchtweg. Django stieg hinaus, betrat ein schräges bemoostes Glasdach, rutschte ein Stück ab, verlor den Halt und brach hindurch.

Mit zwei gebrochenen Beinen und gespickt mit Hunderten von Kakteenstacheln unterschiedlicher Form und Größe liegt er nun im Krankenhaus und wird diesen Tag wohl nie vergessen.

 

Die Kakteensammlung wurde aufgeräumt und bekam ein neues Glasdach.